Eine Frage des Anstands

In den Medien lesen wir heut zu Tage immer wieder, dass wir unsere Kinder zu Weicheiern erziehen. Ob das so ist oder nicht, ist mir grade in diesem Moment recht egal.

Denn die Eltern meiner Generation haben auch ein paar gravierender Fehler gemacht. „Anstand“ oder auch „Respekt“ ist das Zauberwort, auf das ich gerne hinaus möchte.

Respekt im privaten Bereich

Ich bin ein Mensch, dem Anstand und Respekt sehr viel bedeuten. Meine Eltern haben mich so erzogen! Ich bin in der Lage, „Bitte“ und „Danke“ zu sagen, ich kann in vollständigen Sätzen sprechen („Ich war gestern im Kino.“ – Besser noch „Gestern bin ich im Kino gewesen.“ anstatt „Kino“) und ich halte anderen sogar die Tür auf, lasse im Supermarkt auch mal Leute, die nur 2 kleine Sachen haben, an der Kasse vor mich, während ich meinen Wocheneinkauf vor mir herschiebe und ich halte tatsächlich am Zebrastreifen, wenn Fußgänger hier – lebensmüde wie sie sein müssen – die Straße überqueren möchten.



Doch in meinem Bekanntenkreis beobachte ich doch gerne, – und auch relativ häufig – dass das Wort „Danke“ wohl seeeeehr schwer auszusprechen sein muss. „Hey, du schreibst doch. Da kannst doch sicher Bewerbungsunterlagen für mich schreiben!“ Und das Ausrufezeichen ist hier nicht versehntlich gelandet. Nein, eine Frage war diese „Bitte“ sicherlich nicht! Nun gut, ich erkläre mich also dazu bereit, Bewerbungsunterlagen zu prüfen. Das reicht der jungen Dame aber nicht. Sie hat schon sooooo lange keine mehr erstellen müssen, das soll doch bitte ich machen. Äh, ja… aber den Job machst du dann schon selber, oder? Ich, anständig, wie mich meine Eltern nun mal hinbekommen haben, setze mich also hin und gebe der unwilligen Dame zahlreiche Tipps, wie sie was schreiben kann und was unbedingt in die Unterlagen hineinmuss bzw. was sie besser weglässt. Anstatt eines einfachen „Danke“ (von Bezahlung – es ist schließlich mein Job! – ganz zu schweigen) bekomme ich die kackfreche Aussage „Eigentlich kannst du es dann doch auch gleich komplett schreiben, auf Rechtschreibfehler kontrollierst du ja eh nachher noch.“. Äh, bitte was???

Berufliche Respektlosigkeit

Gut, manchen Menschen haben sie eben nicht beibringen können, was Anstand bedeutet. Aber wenn jemand eine leitende Position in einem weltweiten Unternehmen inne hat, dann MUSS dieser jemand einfach Respekt haben. Sonst hätte er es niemals so weit bringen können. Hahahahaha, ich lache immer noch, dass ich wirklich über viele, viele Jahre dieser Ansicht war.



Während manche Geschäftsführer von bedeutenden Unternehmen nicht einmal in der Lage sind, Grußformeln (so etwas in der Art wie „Hallo“) in ihren Mails unterzubringen, so sehen sich andere gezwungen, Termine mit ihren Geschäftspartnern kommentarlos abzusagen, einfach nicht zu erscheinen und Stunden nach dem eigentlichen Termin eine fadenscheinige Entschuldigung zu schicken, mit Angabe eines neuen Termins. Diesen neuen Termin einzuhalten wäre aber auch eine Sache des Anstands, und den gibt es scheinbar nur noch so selten wie Einhörner.



Schade eigentlich, denn ich liebe Anstand. Und Einhörner.

 

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